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La démonstration qui a eu lieu à Dessau contre l’injustice dont les africains ont toujours été victimes depuis des siècles

Rapport de Regina Kiwanuka au sujet de la manifestation de Dessau

Part I & II
23.06.2007

La démonstration qui a eu lieu à Dessau contre l´injustice dont les africains ont toujours été victimes depuis des siècles.

Des pleurs de plus de 150 personnes au sujet de la mort atroce d´Oury Jalloh dans la ville de Dessau le samedi 23 janvier 2007 lorsque soudain il se mit à pleuvoir à verse cumulé de tornades prenant part à la démonstration pour l´exigence de la justice à l´encontre de l´homme noir.

A exactement 14 heures les gens venant de villes différentes de l´Allemagne et de diverses nationalités se sont réunies à la gare centrale de Dessau pour une fois de plus protester contre la mort si choquante d´Oury Jalloh. Das Lesen fortsetzen »

Die einzige Erzählung, die es in dem Landgericht über das Geschehen am 7.1.05 in der Polizeiwache Dessau gibt, ist die der aussagenden PolizistInnen. Sie können vergessen, Details erinnern, Verläufe erzählen und zusammenkonstruieren, was sie wollen - das ist das Material, das sich zusehends zur einzigen Realität verdichtet. Die beinahe einzige Version ist die des Angeklagten Schubert, auf deren Grundlage alle Berichte gemacht wurden. Mit der Begründung, dass man sich ein anderes Handeln als das, das von ihm behauptet wird, nicht vorstellen kann. Das reicht dem Gericht. So wird Wahrheit gemacht und legitimiert. Der Richter bezeichnet selber die Ermittlungen als schlampig, unternimmt aber keine Schritte, sie zu verbessern. Im Gegenteil, er war es, der schon weit im Vorfeld des Prozesses genauere Ermittlungen abgelehnt hat. Derzeit spielt sich dieselbe Geschichte ab, die normal und bekannt ist, wenn PolizistInnen vor Gericht involviert sind: Es zählt ihre Version, Ende. So wie es auch bei ihnen üblich ist, mit einer Anzeige wegen Widerstand zu reagieren, wenn man auf ihre Angriffe rechtlich reagieren will. Dass diese Version rechtlich anerkannt wird und dem Opfer statt ihnen Schwierigkeiten bringt, dessen können sie sich sicher sein. So auch hier, nur geht es hier um einen Menschen, der durch die Polizei verbrannt ist. Die PolizistInnen haben probiert, wie weit sie gehen können. Und sie bekommen Recht. Sie müssen nur noch die Aussagen verbessern, die Loyalität ist ihnen von oben bis unten sicher. Der Richter ermahnt den Angeklagten, seine Version von der Zeit nach 12:00 widerspruchsfrei zu korrigieren, und bietet ihm schon jetzt dafür ein Urteil auf Bewährung an. Offensichtlich hat die mangelhafte Absprache der PolizistInnen ihn dazu gebracht, sich von ihnen als Richter nicht genügend respektiert zu sehen. Wenn sie eine widerspruchsfreie Version zu den Ereignissen nach 12:00 hinbekommen, ist er zufrieden. Mit einer Aufklärung darüber, wie Oury Jalloh ums Leben gekommen ist, hat das wenig zu tun. Offensichtlich ist dessen Leben zu wenig wert dafür, dass diese Frage rechtlich von Interesse wäre. Das Lesen fortsetzen »

Dessau 23.6.07
Foto: (cc) Marco del Pra’/Umbruch-Bildarchiv
Am 23. Juni 2007 demonstrierten in Dessau rund 200 Menschen in Gedenken an Oury Jalloh und Dominique Koumadio, der in Dortmund von einem Polizisten erschossen wurde. Anlass für die erneute Demonstration war die Entwicklung des Prozesses um den Tod des Flüchtlings Oury Jalloh aus Sierra Leone/Guinea sowie Angriffe auf Aktivisten der Gedenkinitiative.

Fotos & ein Video von der Demo hier

Der Prozess gegen die Polizeibeamten Andreas S. und Hans-Ulrich M begann am 27. März 2007, mehr als zwei Jahre nach Oury Jallohs Tod, vor dem Landgericht Dessau. Den Beamten wird “Körperverletzung mit Todesfolge” bzw. die “fahrlässige Tötung” Oury Jallohs vorgeworfen. Eine Aufklärung, wie Oury Jalloh ums Leben kam ist immer noch nicht in Sicht. Obwohl mittlerweile die Befragung der Polizeizeugen sogar durch den Vorsitzenden Richter an Schärfe zugenommen hat, weil Widersprüche in ihren Aussagen offensichtlich wurden, werden bisher in der Verhandlung grundsätzliche Fragen nicht oder nur am Rande behandelt. Nach wie vor ist z. B. völlig ungeklärt, wie es zum Nasenbeinbruch Oury Jallohs kam, wie das Feuerzeug in die Zelle gelangte und wie der an Füßen und Händen gefesselte Gefangene die schwer entflammbare Matratze angezündet haben soll. Die “Initiative in Gedenken an Oury Jalloh” stellt berechtigterweise in ihrem Aufruf zur Demonstration die Grundannahme des Verfahrens in Frage, das von einem Selbstmord Oury Jallohs ausgeht: “Alle Ermittlungen sind darauf beschränkt, die These zu beweisen, dass Oury Jalloh sich selbst angezündet hat.”

Demo 23.6.07An die nationale und internationale Öffentlichkeit
An die Presse


Am Samstag, den 23. Juni organisiert die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, eine bundesweite Demonstration in Gedenken an Oury Jalloh und Dominique Koumadio in Dessau. Treffpunkt ist um 13 Uhr vor dem Hauptbahnhof in Dessau. Die Demonstration wird um 14 Uhr beginnen und durch die Dessauer Innenstadt führen, vorbei u.a. an der Gedenkstelle für Alberto Adriano und dem Polizeirevier in der Wolfgangstrasse. Mehrere hundert Menschen werden erwartet.

Außerdem möchten wir bekannt machen, dass es eine Pressekonferenz der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh am Samstag den 23. Juni um 13.30 Uhr am Hauptbahnhof geben wird.

Anlass für die Demonstration ist die besorgniserregende Entwicklung des Prozesses um den Todesfall des Flüchtlings Oury Jalloh aus Sierra Leone/Guinea sowie vermehrte Angriffe auf Aktivisten der Gedenkinitiative.

Hierzu die Stellungnahme der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh:

Diejenigen, denen die Brutalität des südafrikanischen Apartheidregimes bewusst ist, können sich diese Situation nur allzu gut vorstellen: ein schwarzer Menschen ist auf eine Pritsche mit feuerfester Matratze an Händen und Füßen gefesselt. Stunden später ist dieser Mensch tot, sein Leichnam völlig karbonisiert, die oberen Teile seiner Finger komplett weggebrannt. Die offizielle These: Selbstmord. Das Lesen fortsetzen »

The Initiative in Memory of Oury Jalloh is calling for a nationwide
demonstration in memory of Oury Jalloh. Said demonstration will be take
place on June 23, 2007, in Dessau. Meeting point is 1pm at the central
train station. The demonstration will begin one hour later and pass
through the center of the city as well as the monument in memory of
Alberto Adriano and the police station in the Wolfgangstrasse. Several
hundred protestors are expected.

Additionally, the Initative in Memory of Oury Jalloh will be holding a
press conference at 1.30 pm outside the central train station. The
demonstration is being organised in response to the alarming
developments of the court proceedings surrounding the death of the 21
year-old refugee from Sierra Leone/Guinea as well as diverse attacks
against the Initiative itself.

In light of these developments, the Initiative in Memory of Oury Jalloh
declares the following:

Those familiar with the brutality of the South African Apartheid regime
can only imagine this situation all too well: a human being is chained
at his hands and feet to fireproof mattress. Hours later, the man is
dead, his body fully charcoaled, the upper parts of his fingers
completely burned off. The official hypothesis: suicide.

On January 7, 2005, Oury Jalloh—a human being converted in life and
death into an eternal refugee—died under exactly these circumstances in
a police holding cell in Dessau, Germany. This happened on the very same
day that the police in Germany took away the life of another African:
Layé Konde, whom ten days before went into a coma after the police had
forced vomit-inducing chemicals down his throat, also perished on
January 7, 2005. Until today, not one single police officer has been
charged for these crimes.

From our point of view, the sequence of events only permits one
possible hypothesis: Oury Jalloh was murdered. Since organising
ourselves in the Initiative in Memory of Oury Jalloh we have
consistently insisted on the fact that the death of Oury Jalloh will
remain a murder so long as the responsible authorities do not thoroughly
clear up the events surrounding Oury’s death. From the very beginning,
the state prosecutor in Dessau only allowed one line of investigation,
i.e. suicide. Yet in spite of all facts widely made available to the
public, for instance that he was chained to a fireproof mattress, that a
lighter only appears in a second inventory of the items found in the
cell, that the broken nose was only discovered in the second,
independently financed autopsy, etc., etc., the police, the court and
even the media only allow one line of thought: Oury Jalloh killed himself.

The current court proceedings in the case of Oury Jalloh only serve to
confirm our concerns regarding the cover-up of the case which lasted
over two years. From the very first day, the trial has been
characterised by a penetrating non-remembrance and selective knowledge
of details on the part of the accused and witnesses alike—all of whom
are from the police. Moreover, although there is more than enough
evidence available to include a critical observation regarding the
racism surrounding Oury’s death and the entire process in and of itself,
until now the issue of racism has been completely excluded from all
investigations and subsequent proceedings. Instead, all efforts are
being made to “prove” that Oury Jalloh set himself on fire.

Rather than pursue the truth, the authorities are instead bent on
persecuting activists of the Initiative in Memory of Oury Jalloh,
against whom a series of investigations and preliminary proceedings are
being launched, among other excuses because of libel. This is because we
openly voice our opinion: it was murder. Activists are even persecuted
and threatened by the police within the courtroom itself. Further, at
one of the vigils organized outside of the court, an attack was once
again made against our freedom of speech in which a banner was
forcefully removed by the police. The reason? It contained an
illustration of a lighter and underneath it the words: OURY JALLOH WAS
MURDERED!

In addition, Mouctar Bah, the former owner of a Telecafé in Dessau and
international representative of the Initiative in Memory of Oury Jalloh,
is once again receiving serious and diverse threats. Already on February
7, 2006, the city authorities closed down his store and expropriated his
commercial license. The justification? Mouctar allegedly had not done
enough to keep the so-called drug dealers off the street where his
Telecafé was located. Subsequently, he was forced to sell his shop to a
German, for whom he now works as an employee. Currently, the new owner
is being threatened with the closure of the Telecafé. The official
justification? Mouctar Bah is still working there.

As if the persecution Mouctar Bah has suffered from the authorities is
not enough, some take up where others leave off. In the night of May 14,
2007, unknown persons painted swastikas and nazi symbols on the monument
in memory of the deported Jews and the destruction of the synagogue as
well as Mouctar’s former Telecafé, among other sites. Mouctar has also
been physically attacked on more than one occassion. These attacks
against Mouctar and the Initiative must be seen within the context of
the recent racist attacks in Halberstadt, Cottbus and Bemberg and the
reaction of the local police to them.

In spite of all these very alarming developments, certain, organized
nazis are still allowed to attend the trial against the police in Dessau
as so-called “normal” observers and to write viciously racist reports.
In addition to all that mentioned above comes another shocking detail
concerning the Vice-Director of the police in Dessau, Hans-Christoph
Glombitza: three secret agents normally employed in investigating crimes
of right-wing extremism have sworn under oath that Mr. Glombitza, in his
function as acting director of the police, has actually tried to impede
the persecution of fascist crimes. They quote him as saying that, “one
doesn’t have to see everything,” and that, “there are ways to write
reports more slowly.” Regarding programmes of the federal government to
combat right-wing extremism, Glombitza is reported to have said
that,”they are only for show anyway.” Nevertheless, according to
Wolfgang Böhmer, Interior Minister of Sachsen-Anhalt, “The accusation
has been disproved. We now know that there were rather personal
conflicts behind all of this.”

And thus the vicious circle continues its barbaric cycle: cover-up,
fraud, deception, deceit, delay and then forgetting. In this sense, we
are by no means surprised by the fact that the demand of the family of
Oury Jalloh’s legal counsel to begin preliminary proceedings against Dr.
Blödau have been openly rejected by the state prosecutor. Dr, Blödau,
who became famous thanks to his extremely racist and vile comments about
Blacks, was the person who took blood from Oury and ordered him to be
chained at his hands and feet. He was also involved in declaring Mario
Bichtermann, the homeless man who died or was possibly murdered in the
same cell in November, 2002, fit for detention. The investigations
against those responsible for the death of Mario Bichtermann? Closed.
The case? Unresolved.

Several weeks ago, Rosa Amelia Plumelle-Uribe, one of the international
delegates invited by the Initiative in Memory of Oury Jalloh to assist
the trial, made the following comment: “The court faces the decision of
having to condemn and distance itself from the racist conduct of the
police or to excuse it and support it.” In our opinion, the same is true
for the media as well as the political parties and the society as a whole.

At the demonstration, the Initiative will also be honouring Layé Konde
(Sierra Leone), who—as mentioned above—was murdered on the same day as
Oury. Additionally, we will also be remembering Dominique Koumadio
(Congo), who was shot to death by the police on April 14, 2006 in the
city of Dortmund, John Achidi (Nigeria/Camerun), who also lost his life
after the police in Hamburg forced vomit-inducing chemicals down his
throat in 2001 as well as Osamuyia Aikpitanhi (Nigeria). Osamuyia died
on June 9, 2007 died during a deportation attempt in Spain while tied at
his hands and feet and a rag stuffed down his throat and covered over
with tape. According to the police, Osamuyia Aikpitanhi committed suicide.

We call on all people of solidarity to join us in Dessau and to
participate in our demonstration in memory of Oury Jalloh. Furthermore,
in light of the increasing attacks and attempts at criminalisation, we
call on the media to be aware and to cover the demonstration and
especially the further developments of the case.

For enquiries or interviews, please contact:

Initiative in Memory of Oury Jalloh
Spokesperson: Yufanyi Mbolo
Tel: +49-1708788124
E-mail: the_voice_goettingen@gmx.de

download press release (pdf)

download Aufruf deutsch (pdf)

Samstag 23. JUNI, 14:00 UHR - Hauptbahnhof DESSAU

DIE VERFOLGUNG EINES WORTES UND EIN AUFRUF ZUR AKTION

Ich wusste nicht, dass uns sogar das Recht abgesprochen wird, die gigantischste Deportation in der Geschichte der Menschheit bei ihrem Namen zu nennen. Und das nur deshalb, weil die Sklavenhändler, ihre Nachkommen und deren Historiker weder zum damaligen Zeitpunkt noch später das Wort Deportation zur Bezeichnung ihrer Praktiken verwendet oder autorisiert haben.

Rosa Amelia Plumelle-Uribe

Die Verfolgung eines Wortes

Diejenigen, denen die Brutalität des Apartheidregimes bewusst ist, können sich diese Situation nur allzu gut vorstellen: ein schwarzer Menschen ist auf eine Pritsche mit feuerfester Matratze an Händen und Füßen gefesselt. Stunden später ist dieser Mensch tot, sein Leichnam völlig karbonisiert, die oberen Teile seiner Finger komplett weggebrannt. Die offizielle These: Selbstmord.

Am 7. Januar 2005, ist Oury Jalloh unter genau diesen Umständen in Dessau gestorben. Am selben Tag wurde das Leben eines zweiten Afrikaners von der Polizei ausgelöscht: Layé Konde, der zehn Tage zuvor auf Grund eines gewalttätigen Brechmitteleinsatzes ins Koma gefallen war, verlor sein Leben ebenfalls am 7. Januar 2005. Keiner der verantwortlichen Polizeibeamten ist bisher verurteilt worden.

Seit diesem Tag sind eine Vielzahl von Flüchtlings-, MigrantInnen- und antirassistischen Initiativen zusammengekommen, um für Aufklärung, Gerechtigkeit und Entschädigung zu kämpfen. Unter dem Motto: BREAK THE SILENCE: OURY JALLOH DAS WAR MORD! organisierten wir uns in der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ um unseren Zielen Nachdruck zu verleihen.
Jedoch unsere Parole verursachte Angst und es folgte die Kriminalisierung unseres Kampfes seitens des Staates. Nach dieser Logik, ohne zu wissen was genau am 7. Januar in der Dessauer Polizeizelle geschehen war, ist es keine Straftat den Tod Oury Jallohs als Selbstmord zu bezeichnen, aber wer sagt, dass war Mord, soll verfolgt und bestraft werden.

Die Macht der Sprache, die Macht, Begriffe mit Bedeutung zu füllen, ist zugleich ein entscheidender und grundlegender Pfeiler der totalitären —und kolonialen— Macht. Diese wird ausgeübt, um Widerstand zum Schweigen zu bringen und um die Hegemonie über Wörter und Gedanken zu beherrschen.

Wir dürfen nicht vergessen, was die Geschichte uns lehrt. Wie oft und rücksichtslos wurde Genozid begangen, um die komplette Wahrheit zusammen mit den Opfern zu eliminieren, sowie es z.B. in Europa während der Nazizeit und bei der Sklaverei mit der Trennung von Mutter und Kind geschehen ist.

Aber wie die Henker, ihre Nachkommen und deren Historiker immer und immer wieder erkennen mussten: ganz gleich wie viele Menschen zu Tode gebracht wurden, egal inwieweit die Mächtigen bereit waren, ihre Ziele durchzusetzen – es blieb unmöglich eine kollektive Erinnerung auszulöschen und keine Unterdrückung blieb auf ewig.

Selektive Erinnerungen und die Nicht-Verfolgung der Wahrheit

„Man muss doch nicht alles sehen“ so Hans-Christoph Glombitza Leitender Polizeidirektor Dessaus, über die Bekämpfung rechtsextremistischer Straftaten.

Das die Justiz eine blinde Göttin ist
ist etwas worüber wir Schwarzen im Klaren sind.
Ihre Binden verstecken zwei verfaulte Wunden
die vielleicht einmal Augen waren

Aimé Césaire

Am 27. März 2007, wurde ein Gerichtsverfahren gegen zwei Polizeibeamte, die möglicherweise für den Tod Oury Jallohs verantwortlich sind, in Dessau begonnen. Andreas Schubert und Hans-Ulrich Merz sind von der Staatsanwaltschaft Dessau jeweils angeklagt wegen Körperverletzung mit Todesfolge und fahrlässiger Tötung. Bei der Anklage der Staatsanwaltschaft – die einzige Instanz, die in Deutschland in so einem Fall klagen darf - spielt weder Rassismus noch irgendein anderer möglicher Hintergrund der Tat eine Rolle. Die Anklage geht ausschließlich von einer These aus: Selbstmord. Ein gebrochenes Nasenbein und ein verletztes Mittelohr, Verletzungen, die bei der zweiten, von der Nebenklage finanzierten Obduktion entdeckt worden waren, gelten dabei nicht als Teil der gerichtlichen Beweislage.

Der bisherige Verlauf des Prozesses ist nicht mehr als die Bestätigung unseres tiefsten Misstrauens. Über zwei Jahre verurteilten wir ständig die Vertuschung und Verschleppung der Wahrheit in der Öffentlichkeit. Wie zu erwarten war, ähneln sich die Aussagen der vorgeladenen Polizisten auffallend: Alle können sich perfekt erinnern - außer an das was den Tod Oury Jallohs betrifft. Allerdings gibt es doch eine Ausnahme: alle können sich klar und deutlich daran erinnern, wie schnell Andreas Schubert, der auf der Anklagebank sitzt, weil die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft, nicht zügig genug reagiert zu haben, in den Todestrakt gerannt ist, dort wo Oury Jalloh an Hände und Füße gefesselt, auf einer feuerfesten Matratze lag.

Jedoch ist das Thema Rassismus genauso abwesend wie die Wahrheit in den Worten der Angeklagten und der als Zeugen vorgeladenen Polizisten. Nur zwei Mal ist Rassismus als Thema überhaupt in den bisher zehn Verhandlungstagen angesprochen worden: Einmal, als ein Afrikaner aus dem Gerichtssaal rausgeworfen wurde, weil er –als der rassistische Dialog zwischen Arzt und angeklagtem Andreas Schubert vorgelesen wurde– „Was haben wir Euch jemals getan, das Ihr uns so behandelt!“ schrie, und ein zweites Mal als ein Aktivist der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ auf die Anklagebank gesetzt wurde, weil er angeblich ein anwesenden NPD-Kader beleidigt hatte.

Zu alldem kommt noch ein Skandal in den Medien: Hans-Christoph Glombitza, leitender Polizeidirektor Dessaus, sagte bei einem Treffen mit drei Staatsschützern über die Bekämpfung rechtsextremistischer Straftaten, „man muss doch nicht alles sehen“. Ergänzend erklärte er, dass Regierungsprogramme wie die Aktion „Hingucken!“ sowieso nur für die Galerien seien. Volker Bittermann, leitender Staatsanwalt Dessaus, hat seinerseits die Ermittlungen diesbezüglich schon eingestellt.

Ihrerseits sieht die Dessauer Polizei den Prozess als Gelegenheit, Aktivisten der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ zu kriminalisieren und zu verfolgen. Etwa hundert Polizisten mit Hunden bewaffnet schützen das Gerichtsgebäude innen und außen. Nicht nur die Prozessbeobachter sind schweren Sicherheitsvorkehrungen ausgesetzt, auch Aktivisten der Initiative werden durch gezielten Personalienkontrollen versucht einzuschüchtern.

Warum wir kämpfen müssen – nicht nur protestieren oder hinterfragen
Meine Zunge soll diejenigen in Ihrer Misere dienen, die keine Zunge haben, meine Stimme der Freiheit derer, die sich in dem Kerker der Verzweiflung befinden.

Aimé Césaire

Wir haben weder unseren Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit, noch unsere Entschlossenheit, unsere Meinungen selbst zu wählen, aufgegeben. Der Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit für Oury Jalloh – sowie für Dominique Koumadio, der am 14. April, 2006 von der Dortmunder Polizei erschossen– ist für uns eine Frage des Überlebens. Die Arroganz und das fehlende menschliche Verständnis - vor allem gegenüber Menschen nicht-europäischer Herkunft - innerhalb der Polizei und in der Gesellschaft im Allgemeinen ist das was es erlaubt, dass Menschen wie Oury Jalloh, solche grauenhaften Tode sterben müssen. Das diese Tatsache sowohl systematisch als auch historisch begründet ist, ist einer der vielen Gründe warum wir den Tod Oury Jallohs als Mord bezeichnen.

Das bedeutet aber, dass wir viel mehr tun müssen, als einfach zu protestieren oder die offiziellen Versionen der Morde an Oury, Dominique und Laye in Frage zu stellen. Vor allem geht es uns um unsere Selbstbestimmung und um unsere Wut gegen die unaufhörliche Barbarei.

Wir können und werden nicht zulassen, dass wir im Rahmen dieser verbrecherischen Normalität einfach weiterhin funktionieren, als Komplizen für Verfolgung und unseren eigenen Tod. Wenn wir das Schweigen nicht durchbrechen, wenn wir unsere eigene Meinung unterdrücken, leisten wir einen Beitrag zum Weiterbestehen unseres gemeinsamen Leidens.

Wir verweigern uns. Wir verweigern uns zu schweigen und wir verweigern uns, weiterhin Teil unserer eigenen Unterdrückung zu bleiben. Wir werden weder schweigen, noch zulassen, dass wir zum Schweigen gebracht werden. Diese Zeit ist vorbei.

MOBILISIERT EUCH! KOMMT NACH DESSAU AM 23. JUNI!

ORGANISIERT GRUPPEN IN EUREN STÄDTEN UM EINIGE TAGE ALS BEOBACHTER BEIM PROZESS IN DESSAU DABEI ZU SEIN.

STEH AUF! BREAK THE SILENCE!

Für mehr Information bitte wenden Sie sich an: Tel.: +(49)170-8788124 oder the_voice_goettingen@gmx.de

TREFFPUNKT FÜR DIE ABFAHRT VON BERLIN, REISECENTER AM ALEX, 10:30 Uhr

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23RD JUNE; 2007; 2PM CENTRAL TRAIN STATION
NATIONWIDE DEMONSTRATION IN DESSAU

I hadn’t realized that they even took away our right to call the most gigantic deportation in the history of humanity by its name. And that only because the slave traders, their descendants and their historians neither at that time nor at the present day used the word deportation or authorised its use to describe their practices.

Rosa Amelia Plumelle-Uribe

The Persecution of a Word

Those familiar with the brutality and horror of the apartheid regime can picture all too well the scenario: a Black man is tied at his hands and feet to a fireproof mattress in a holding cell at a police station. Hours later the man is dead, his body burnt like charcoal, the upper regions of his fingers burnt completely away. The official thesis: suicide.

On the 7th of January, 2005, Oury Jalloh, a human being converted into an eternal refugee, died under exactly these conditions in the city of Dessau, Germany. On that very same day the life of another African was extinguished: Layé Konde, who ten days before had chemicals forced down his throat by the police who were looking for possible drugs, had his life taken from him after not coming out of the coma induced by the police action. The number of police sentenced for the two deaths until today: 0.

Since that time, diverse refugee, migrant and anti-racist organizations have joined together to fight for truth, justice and restitutions. Under the slogan OURY JALLOH DAS WAR MORD, we organized ourselves in the Initiative in Memory of Oury Jalloh.

Our words, however, provoke fear and subsequent persecution on the part of the authorities. According to their logic, without knowing the exact incidents surrounding the events of the 7th of January, it is not a crime to describe the death of Oury Jalloh as self-murder (i.e. suicide), but it is a crime to describe it as a murder.

The power of language, the power of definition is decisive and a fundamental pillar of totalitarian—and colonial—power. It is used to silence opposition and to maintain hegemony over words and thoughts.

We must, however, never forget what past experiences have taught us; how often and ruthlessly genocide was committed so that all traces of the truth would be eliminated together with its victims, such as happened in Europe during the time of Nazi terror and with the separation of mothers from their children during the time of slavery, for example.

But, as the executioners, their descendants and their historians have been forced to repeatedly recognize: no matter how many are killed, no matter how far those in power are willing to go in order to fulfill their objectives, you can never eliminate a collective memory—and no oppression can last forever.

Selective Memory and the Non-Persecution of the Truth

That Justice is a blind goddess
is a thing to which we Blacks are wise:
Her bandage hides two festering sores
that once perhaps were eyes

Aimé Césaire

On the 27th of March, 2007, court proceedings finally began against two of the police officers implicated in the death of Oury Jalloh. Andreas Schubert and Hans-Ulrich März have been accused of negligence in the death of Oury Jalloh. Within the formal accusation presented by the state prosecutor—the only entity allowed to formulate such an accusation in Germany—neither racism nor any other possible cause of death play a role other than the official version: suicide. Likewise, the broken nose and broken middle-ear discovered in the second, independently financed autopsy, are not considered within the trial-based evidence permitted by the court (in other words, these facts are not even considered when the judge is to make his decision).

Until now, the trial has been nothing more than a confirmation of our deepest mistrust. For over two years we have consistently denounced the cover-up and the intentional attempt to win time. As expected, every single police officer or related state employee who has been called as a witness has shown remarkable coincidences between each other: all of them have a perfect memory—except that which involves the death of Oury Jalloh. There is, however, one exception: all seem to remember clearly that Andreas Schubert, accused of negligence for not having reacted in time, was swift in his response of running down into the basement, where Oury Jalloh had been chained down—and burnt to death—to a fireproof mattress.

The issue of racism, however, has remained just as absent from the trial as has any word of truth spoken on the part of the police. On only two occasions was racism made an issue: Once, as an African man was forced out of the courtroom for shouting „What have we ever done to you to deserve this,“ as the racist protocol between Andreas Schubert and the doctor who ordered Oury Jalloh to be chained, Dr. Blödau, was read aloud, and, secondly, as an African man was ordered by the judge to sit as the accused and apologize for his behavior or be accused of allegedly having offended a Nazi-party member.

Additionally, at the middle of May a scandal appeared (and disappeared just as quickly) in the national media: Hans-Christoph Glombitza, acting vice-director of the police in Dessau, was recorded in a conversation with members of the German state security office in which he said, referring to crimes committed by right-wing extremists, that, “one doesn’t have to see everything.”

Adding that the federal government programs to combat Nazi crimes and thought were, “really just for the art galleries anyway,” he pointed out that there are ways “to write reports slowly.” Citing a lack of evidence of a crime having been committed, the leading state prosecutor in Dessau, Volker Bittermann, has already refused to open investigations.

For their part, the police have seen the trial as an opportunity to intimidate and persecute members of the Initiative in Memory of Oury Jalloh. At least one hundred police—including dogs—have been set to surround and occupy the court inside and out.

Activists have not only been subject to massive security controls and the photocopying of their identity papers, but also direct persecution, as described above. Additionally, civil-clothed police have tried to control and intimidate members of the Initiative in Memory of Oury Jalloh.

Why we must fight—not just protest or question

My tongue shall serve those miseries which
have no tongue, my voice the liberty of those
who found themselves in the dungeons of despair.

Aimé Césaire

We have neither deceased in our struggle for truth and justice nor in the conviction that only we will decide which words we will use. The fight for truth and justice in the case of Oury Jalloh—like that of Dominique Koumadio, shot to death by the police in Dortmund on April 14, 2006—is a question of survival. The arrogance and lack of human understanding—especially toward non-whites—within the police is exactly that which permits Oury Jalloh to die in such a vile manner. Moreover, the fact that it is so systematic and historic is one of the many reasons why we have and will continue to speak of murder.

This goes far beyond a question of simple protest or questioning official versions of Oury’s, Laye’s or Dominique’s deaths. On the contrary, it is as much a question of self-determination as it is the rage against so much perpetual brutality.

We cannot and will not let ourselves to continue functioning within this murderous normality, accomplices of our own death and persecution. By refusing to speak out and by silencing our own beliefs, we are only contributing further to the duration of our common suffering.

We refuse. We refuse to obey. We refuse to continue being a part of our own oppression. We refuse to remain silent, much less be silenced. That time is over.

MOBILIZE AND COME TO DESSAU ON THE 23RD OF JUNE

ORGANIZE GROUPS IN YOUR CITIES TO ACCOMPANY THE COURT PROCEEDINGS ON SPECIFIC DAYS!

RISE UP AND BREAK THE SILENCE!

For more information contact:
Tel: +(49)170-8788124 or the_voice_goettingen@gmx.de

Nach ca. zwei Verhandlungswochen stellt am 24.5.07 der Richter fest, dass es Widersprüche in den Aussagen der PolizistInnen gibt und will – unter Androhung fortwährender Befragungen –wissen, welche Aussagen stimmen. Der Korpsgeist der Polizei, der gewöhnlich als normal angesehen wird, soll hier ein Ende haben, wo der Richter sich nicht mehr ernst genommen sieht. Mit dem Interesse an der Aufklärung, wie und warum Oury Jalloh umgebracht wurde, hat dies nicht unbedingt viel zu tun. Ihn beschäftigt die immanente Kohärenz der Aussagen: Sie sollen eine saubere Geschichte ergeben. Aber schon das ist in einem Prozess, der von dem selektiven Ansatz der Anklage und der Ermittlungen geprägt ist, ein neuer Schritt. Trotz der ständigen Erinnerungslücken und –Blockaden der bisherigen ZeugInnen – bis auf einige wiederkehrende Details – sind Aussagen zustande gekommen, die partout nicht zusammengehen, insbesondere die von Köhler und Schubert sowie Möbes, Bothe und Freund. Das will nun auch der Vorsitzende nicht weiter hinnehmen.

Nach der entsprechenden Einlassung des Richters wurde die Verwaltungsangestellte Schicker befragt, die am 7.1.05 im Durchgangszimmer zum DGL-Raum gesessen hat. Zu dem Ablauf an dem Tag konnte sie wenig beitragen, sie erklärte dies auch damit, dass sie mit dem Rücken zum Zimmer saß und deswegen wenig mitbekommen hätte. Sie weiß aber genau, dass Schubert durch das Zimmer gerannt ist. Dazu, in welche Richtung und wie oft, macht sie verschiedene Aussagen (einmal raus oder raus – rein - raus). Im Laufe der Befragung stellte sich heraus, dass es monatliche Bowling-Zusammenkünfte gab und gibt, wo sowohl sie als auch Kohl, Köhler, Michlik, Tisys, Seeler, Schleif und Schubert teilnahmen. Sie sagt, dass das schon eine feste Gruppe ist. Weiterhin erzählt sie, dass es wöchentlich Treffen des Innendienstes gibt und dort auch vor einigen Wochen der Film “Tod in der Zelle” gezeigt wurde. Es sei kaum darüber gesprochen worden, aber es habe Bemerkungen gegeben, dass der Film nicht objektiv sei und die Polizei negativ darstellen würde. Wer das geäußert hat, weiß sie nicht, aber es seien alle, die den Film geschaut haben, nach dem Ende schweigend gegangen.

Am 12.6. wurde die Verwaltungsmitarbeiterin Frau Fuhr befragt, die im Vorzimmer von Köhler und Kohl saß. Sie konnte sich vor allem daran erinnern, dass die Beiden kurz nach 12.00 ihre Zimmer verlassen hätten und bald nacheinander wieder kamen, hustend und rußbedeckt. Von einem Brand habe sie selber in der Zwischenzeit nichts bemerkt. Später, nach dem 7.1., hat sie einen Ordner mit dem Titel “Vorgang Jalloh” verwaltet. Darin wurde alles abgeheftet, was mit dem “Vorgang” zu tun hatte. Warum dort auch Sachen zum Fall Bichtemann abgeheftet sind, wusste sie nicht. Als auch sie auf Treffen der PolizistInnen hin angesprochen wird, berichtet sie von einer Versammlung letzte Woche auf dem Revier. Hier springt der Staatsanwalt ein und erklärt, dass er davor den Polizeijustitiar Findeisen und den Abteilungsleiter Hesse mit dem Vorschlag einer solchen Zusammenkunft angesprochen hätte, da er “keine Lust hat, ewige Jahre gegen Polizeibeamte zu ermitteln“, weil sie Falschaussagen machen. Frau Fuhr berichtet, dass es in dem Treffen um den Verfahrensablauf gegangen sei und dass man immer die Wahrheit sagen solle. Weiterhin erfuhr sie, dass es Falschaussagen gab, Namen wurden dabei nicht genannt, aber Frau Schicker wurde für ihre Aussagen am letzten Verhandlungstag gelobt. Das Treffen habe fast 2 Stunden gedauert, aber sie kann sich kaum noch daran erinnern, was gesagt wurde: Sie sei sehr nervös gewesen. Es waren ca. 10 KollegInnen anwesend, darunter auch welche, die schon ausgesagt haben. Nachdem die Zeugin entlassen wurde, bezweifelte auch der Richter das vom Staatsanwalt initiierte Treffen, “auch wenn es sicher gut gemeint gewesen sei”. Der Prozess könne noch bis nächstes Frühjahr weitergehen.

Am 13.6. wurde Möbes im Prozess zum zweiten Mal befragt. Er schilderte weitaus verständlicher als beim letzten Mal, wie er von Schubert zum Gewahrsam geholt worden ist. Schubert hat ihn in seinem Dienstzimmer aufgefordert mit herunter zu gehen, von einem “Plätschern” war nicht mehr die Rede. Möbes hat sein Telefonat beendet und ist ihm gefolgt. Noch vor der Hauswache hat er Schubert eingeholt und sie haben gemeinsam die Zellentür erreicht. Er hat durch den Spion geschaut, konnte das Zellenfenster nicht mehr erkennen und Schubert hat aufgeschlossen. Dichter, dunkler Rauch ist herausgekommen, Schubert ist nach oben, um Hilfe zu holen. Möbes hat dann eine Decke geholt und versucht, das Feuer zu löschen. Die ganze Matratze hat gebrannt und er konnte silhouettenhaft Oury Jalloh sehen. Trotz des Löschversuchs brannte das Feuer weiter. Er wollte die Fesseln aufschließen, hatte aber keine Schlüssel dabei. Darüber hinaus widersprach Möbes den Aussagen von Schubert und Köhler, dass Sch. aus der Wache K. angerufen habe. Auch Frau Freund, die dort Dienst hatte, konnte diese Aussage nicht bestätigen. Trotz der deutlichen Aussage wurde der Zeuge wieder unruhig und schweigsam, als er auf polizeiinterne Versammlungen angesprochen wurde. Anfang März habe es eine einstündige Versammlung gegeben, aber er konnte sich an kaum etwas erinnern, was dort gesagt wurde. Außer: Dass man sagen solle, was man weiß. Das hat er nun getan und wurde daraufhin vereidigt.

Zu Beginn des 14.6. bezweifelt der Anwalt von Schubert die Aussagen von Möbes. Der Angeklagte Schubert beteuert, dass er alles gesagt hätte, was er weiß, und dass er auch schlaflose Nächte habe. Er sei doch kein Mensch, der einen Anderen sterben lassen würde, dann habe er den falschen Beruf. Anschließend wurde die Verwaltungsangestellte Seeler befragt, die bis zur Mittagspause um 11.30 im selben Zimmer wie die Zeugin Fuhr saß und danach, noch vor 12.00, im Vermittlungsraum vor dem DGL-Zimmer telefoniert. Eine Uhr trug sie nicht bei sich. Sie habe während dem 10-15minütigen Telefonat kaum etwas mitbekommen, nur dass Schubert einmal schnell rein-, zum Schlüsselkasten hin und wieder rausgegangen sei. Im DGL-Raum hätte sie außer, dass Fr. Höpfner zu Fr. Schicke sagte: du bist meine Zeugin, nichts weiter gehört. Im Hof habe sie durch das Fenster etwas Qualm gesehen, wie ein brennender Mülleimer, aber wahrscheinlich schon vor dem Eintreffen von Schubert. Auf die Telefone angesprochen, sagte sie, dass ihr Diensttelefon kein Display habe, das von Köhler aber sicher. Als es um die Versammlung die Woche zuvor ging, konnte auch sie sich kaum daran erinnern, was während der fast zwei Stunden gesprochen wurde. Sie wusste noch, dass es um den Ablauf und um Gerichtssaal gegangen sei und dass Frau Schicke für ihre Aussage gelobt wurde. Auf mögliche Zitate aus dem Prozess hin angesprochen, konnte sie sich doch daran erinnern, dass diese gefallen sind, wusste aber nicht mehr warum und in welchem Zusammenhang. Nur dass gesagt wurde, dass hier keine Bananenrepublik ist, vielleicht eine Drohung ist. Auf die Frage, ob von Falschaussagen gesprochen wurde, gab es keine Antwort mehr.

Viel Neues war auch in diesen Tagen nicht zu erfahren, weitgehend gab es der langwierig bekannten Kombination aus penetrantem Nicht-Erinnern und selektivem Detailwissen beizuwohnen. Ein Einbruch war die Schilderung von Möbes, der mit anwaltlichem Beistand und ohne Beruhigungsmittel ein anderes Bild vom 7.1.05 als das von Schubert andeutete. Aber auch bei ihm setzt die Erinnerung wieder aus, wenn es um bisherige Treffen der Beteiligten gegangen ist. Dass es diese gab und gibt, war in den letzten Tagen immerhin zu erfahren, nachdem sie bisher zumeist abgestritten worden sind. Aber was dort geredet wird, ist nicht zu hören, auch wenn sie gerade ein paar Tage zurückliegen. Zu groß scheint die Furcht zu sein, mit möglichen „Falschaussagen“ zu den Versammlungen zuviel von dort preiszugeben. Eingeschüchtert von der Autorität des Gerichts, tun sie alles und reden, wenn überhaupt, wie programmierte Roboter, um ihrem Beruf, Dienstherr und Kollegen nicht zu schaden. Das, was Oury Jalloh und alle anderen Menschen dunkler Hautfarbe in Dessau und andern Orts jeden Tag seitens Bevölkerung und Polizei, die ein Teil davon ist, erleben müssen, lässt sie unberührt. Ihre Sorge gilt dem schadlosen Bild und Handlungsraum der Polizei, alles andere verschwindet in der Bewusstlosigkeit und in den Akten. Das sind die PolizistInnen, die mit allen Mitteln ausgestattet sind, Menschen abzuschieben und zu erschießen, wenn sie es für nötig erachten, zu schikanieren, wegzusperren, mit Gewalt zu bedrohen und diese anzuwenden, bis zur tödlichen Konsequenz, im staatlichen Auftrag und eigenem Ermessen. Begleitet durch die Entrechtung und Abstempelung der Menschen ohne Aufenthaltsrecht seitens der Behörden und die Verachtung und offene oder verhohlene Diffamierung seitens der mehrheitlichen Bevölkerung. Und durch die Politik, die neben ihren Gesetzen und Direktiven regelmäßig im Verein mit den Medien schlägernde Neonazis als die einzigen gefährlichen Rassisten darstellt und so der Alltagspraxis von Polizei, Behörden und Bevölkerung ihren Segen erteilt. Den haben bisher auch diese Beamten in Dessau, die mit ihren Befugnissen und Gewaltmitteln drangsalieren und vertreiben, wer ihnen nicht passt, und ansonsten ihr Bewusstsein und ihre Kommunikationsfähigkeit in ein paar Aussagen zusammenpacken, die alles Geschehen in Ordnung bringen und keine weiteren Fragen zulassen. Auch nicht dazu, was hinter verschlossen Türen geredet wird, das könnte es nur schwerer machen.

Regina KiwanukaRegina Kiwanuka ist eine engagierte Exil-Menschenrechtsaktivistin und politischer Flüchtling in Deutschland. Sie ist Verfasserin von wichtigen Berichten und Artikeln über die Kämpfe von Flüchtlingen und MigrantInnen der Schwarzafrikanischen Gemeinschaft.
Die ugandische Menschenrechtsaktivistin ist außerdem Mitglied der internationalen Delegation zur Beobachtung des Gerichtsverfahrens für Oury Jalloh in Dessau. Das Video-Interview mit ihr, das hier zu sehen ist, wurde am 14. April 2007 von der Gruppe “Plataforma der Flüchtlinge und MigrantInnen” in Dortmund aufgezeichnet. An diesem Tag fand eine Versammlung in Gedenken an Dominique Kouamadio statt, der ein Jahr zuvor dort von weißen deutschen Polizisten erschossen worden ist.
Video ansehen. (14′16 Min., 13,6 Mb für Windows Media Player)

Regina Kiwanuka sagt: “Mein Vater Benedicto Kiwanuka war der erste Premiermister von Uganda und der erste Justizminister Ugandas. Er wurde am 21 September 1972 aus seinen Räumen des obersten Gerichts gezerrt und von Idi Amins Killern brutal ermordet. Er erlitt einen schmerzvollen Tod, da er lebend in Stücke gespalten wurde. Benedicto Kiwanuka starb, weil er für Menschen kämpfte, die wie Oury Jalloh ihrer Stimme beraubt wurden. Ich setze durch dieselbe Rolle und Macht der Aggressoren seinen langsamen qualvollen Tod in Bezug zu dem von Oury Jalloh. Zeige mir einen anderen Planeten ohne die Aggressoren und ich werde mich verabschieden.”

Jetzt hat Regina Kiwanuka vom deutschen Staat die Aufforderung bekommen, am 7. Juni 2007 das Land zu verlassen. Nachdem sie Uganda verlassen musste, weil sie dort ihre Stimme erhoben hat, geschieht ihr dasselbe wieder in Deutschland. Ihr Asylverfahren war von Beginn an gegen sie gerichtet, weil sie auch sich hier für ihre Schwestern und Brüder eingesetzt hat. In Deutschland wird kein Schutz vor Verfolgung durch die vom Westen subventionierten Diktatoren gegeben, und noch weniger, wenn Menschen ihre Stimme erheben, die ihnen hier wie dort erstickt und genommen wird.

Quelle: Umbruch-Bildarchiv

Update 6. Juni

Regina Kiwanuka hat einen Asylfolgeantrag gestellt, ihre Duldung wurde um einen Monat verlängert. Die Gefahr der Abschiebung besteht nach wie vor. Unterstützung ist nötig.

In den letzten Wochen schritten die Übersetzungen der Zwischenberichte, die die internationalen Prozessbeobachter_innen über die beiden ersten Verhandlungsblöcke anfertigten, weiter voran. Auf Deutsch liegen jetzt fast alle Berichte vor. Siehe dazu die Seite “Prozessberichte”:

Regina Kiwanuka
Wolf-Dieter Narr –– 2. Teil
Rolf Gössner
Elliot Perkins
Rosa Amelia Plumelle-Uribe
Silas Nkanunu

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