BUNDESWEITE DEMO IN DESSAU IN GEDENKEN AN OURY JALLOH UND DOMINIQUE KOUMADIO

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Samstag 23. JUNI, 14:00 UHR – Hauptbahnhof DESSAU

DIE VERFOLGUNG EINES WORTES UND EIN AUFRUF ZUR AKTION

Ich wusste nicht, dass uns sogar das Recht abgesprochen wird, die gigantischste Deportation in der Geschichte der Menschheit bei ihrem Namen zu nennen. Und das nur deshalb, weil die Sklavenhändler, ihre Nachkommen und deren Historiker weder zum damaligen Zeitpunkt noch später das Wort Deportation zur Bezeichnung ihrer Praktiken verwendet oder autorisiert haben.

Rosa Amelia Plumelle-Uribe

Die Verfolgung eines Wortes

Diejenigen, denen die Brutalität des Apartheidregimes bewusst ist, können sich diese Situation nur allzu gut vorstellen: ein schwarzer Menschen ist auf eine Pritsche mit feuerfester Matratze an Händen und Füßen gefesselt. Stunden später ist dieser Mensch tot, sein Leichnam völlig karbonisiert, die oberen Teile seiner Finger komplett weggebrannt. Die offizielle These: Selbstmord.

Am 7. Januar 2005, ist Oury Jalloh unter genau diesen Umständen in Dessau gestorben. Am selben Tag wurde das Leben eines zweiten Afrikaners von der Polizei ausgelöscht: Layé Konde, der zehn Tage zuvor auf Grund eines gewalttätigen Brechmitteleinsatzes ins Koma gefallen war, verlor sein Leben ebenfalls am 7. Januar 2005. Keiner der verantwortlichen Polizeibeamten ist bisher verurteilt worden.

Seit diesem Tag sind eine Vielzahl von Flüchtlings-, MigrantInnen- und antirassistischen Initiativen zusammengekommen, um für Aufklärung, Gerechtigkeit und Entschädigung zu kämpfen. Unter dem Motto: BREAK THE SILENCE: OURY JALLOH DAS WAR MORD! organisierten wir uns in der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ um unseren Zielen Nachdruck zu verleihen.
Jedoch unsere Parole verursachte Angst und es folgte die Kriminalisierung unseres Kampfes seitens des Staates. Nach dieser Logik, ohne zu wissen was genau am 7. Januar in der Dessauer Polizeizelle geschehen war, ist es keine Straftat den Tod Oury Jallohs als Selbstmord zu bezeichnen, aber wer sagt, dass war Mord, soll verfolgt und bestraft werden.

Die Macht der Sprache, die Macht, Begriffe mit Bedeutung zu füllen, ist zugleich ein entscheidender und grundlegender Pfeiler der totalitären —und kolonialen— Macht. Diese wird ausgeübt, um Widerstand zum Schweigen zu bringen und um die Hegemonie über Wörter und Gedanken zu beherrschen.

Wir dürfen nicht vergessen, was die Geschichte uns lehrt. Wie oft und rücksichtslos wurde Genozid begangen, um die komplette Wahrheit zusammen mit den Opfern zu eliminieren, sowie es z.B. in Europa während der Nazizeit und bei der Sklaverei mit der Trennung von Mutter und Kind geschehen ist.

Aber wie die Henker, ihre Nachkommen und deren Historiker immer und immer wieder erkennen mussten: ganz gleich wie viele Menschen zu Tode gebracht wurden, egal inwieweit die Mächtigen bereit waren, ihre Ziele durchzusetzen – es blieb unmöglich eine kollektive Erinnerung auszulöschen und keine Unterdrückung blieb auf ewig.

Selektive Erinnerungen und die Nicht-Verfolgung der Wahrheit

„Man muss doch nicht alles sehen“ so Hans-Christoph Glombitza Leitender Polizeidirektor Dessaus, über die Bekämpfung rechtsextremistischer Straftaten.

Das die Justiz eine blinde Göttin ist
ist etwas worüber wir Schwarzen im Klaren sind.
Ihre Binden verstecken zwei verfaulte Wunden
die vielleicht einmal Augen waren

Aimé Césaire

Am 27. März 2007, wurde ein Gerichtsverfahren gegen zwei Polizeibeamte, die möglicherweise für den Tod Oury Jallohs verantwortlich sind, in Dessau begonnen. Andreas Schubert und Hans-Ulrich Merz sind von der Staatsanwaltschaft Dessau jeweils angeklagt wegen Körperverletzung mit Todesfolge und fahrlässiger Tötung. Bei der Anklage der Staatsanwaltschaft – die einzige Instanz, die in Deutschland in so einem Fall klagen darf – spielt weder Rassismus noch irgendein anderer möglicher Hintergrund der Tat eine Rolle. Die Anklage geht ausschließlich von einer These aus: Selbstmord. Ein gebrochenes Nasenbein und ein verletztes Mittelohr, Verletzungen, die bei der zweiten, von der Nebenklage finanzierten Obduktion entdeckt worden waren, gelten dabei nicht als Teil der gerichtlichen Beweislage.

Der bisherige Verlauf des Prozesses ist nicht mehr als die Bestätigung unseres tiefsten Misstrauens. Über zwei Jahre verurteilten wir ständig die Vertuschung und Verschleppung der Wahrheit in der Öffentlichkeit. Wie zu erwarten war, ähneln sich die Aussagen der vorgeladenen Polizisten auffallend: Alle können sich perfekt erinnern – außer an das was den Tod Oury Jallohs betrifft. Allerdings gibt es doch eine Ausnahme: alle können sich klar und deutlich daran erinnern, wie schnell Andreas Schubert, der auf der Anklagebank sitzt, weil die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft, nicht zügig genug reagiert zu haben, in den Todestrakt gerannt ist, dort wo Oury Jalloh an Hände und Füße gefesselt, auf einer feuerfesten Matratze lag.

Jedoch ist das Thema Rassismus genauso abwesend wie die Wahrheit in den Worten der Angeklagten und der als Zeugen vorgeladenen Polizisten. Nur zwei Mal ist Rassismus als Thema überhaupt in den bisher zehn Verhandlungstagen angesprochen worden: Einmal, als ein Afrikaner aus dem Gerichtssaal rausgeworfen wurde, weil er –als der rassistische Dialog zwischen Arzt und angeklagtem Andreas Schubert vorgelesen wurde– „Was haben wir Euch jemals getan, das Ihr uns so behandelt!“ schrie, und ein zweites Mal als ein Aktivist der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ auf die Anklagebank gesetzt wurde, weil er angeblich ein anwesenden NPD-Kader beleidigt hatte.

Zu alldem kommt noch ein Skandal in den Medien: Hans-Christoph Glombitza, leitender Polizeidirektor Dessaus, sagte bei einem Treffen mit drei Staatsschützern über die Bekämpfung rechtsextremistischer Straftaten, „man muss doch nicht alles sehen“. Ergänzend erklärte er, dass Regierungsprogramme wie die Aktion „Hingucken!“ sowieso nur für die Galerien seien. Volker Bittermann, leitender Staatsanwalt Dessaus, hat seinerseits die Ermittlungen diesbezüglich schon eingestellt.

Ihrerseits sieht die Dessauer Polizei den Prozess als Gelegenheit, Aktivisten der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ zu kriminalisieren und zu verfolgen. Etwa hundert Polizisten mit Hunden bewaffnet schützen das Gerichtsgebäude innen und außen. Nicht nur die Prozessbeobachter sind schweren Sicherheitsvorkehrungen ausgesetzt, auch Aktivisten der Initiative werden durch gezielten Personalienkontrollen versucht einzuschüchtern.

Warum wir kämpfen müssen – nicht nur protestieren oder hinterfragen
Meine Zunge soll diejenigen in Ihrer Misere dienen, die keine Zunge haben, meine Stimme der Freiheit derer, die sich in dem Kerker der Verzweiflung befinden.

Aimé Césaire

Wir haben weder unseren Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit, noch unsere Entschlossenheit, unsere Meinungen selbst zu wählen, aufgegeben. Der Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit für Oury Jalloh – sowie für Dominique Koumadio, der am 14. April, 2006 von der Dortmunder Polizei erschossen– ist für uns eine Frage des Überlebens. Die Arroganz und das fehlende menschliche Verständnis – vor allem gegenüber Menschen nicht-europäischer Herkunft – innerhalb der Polizei und in der Gesellschaft im Allgemeinen ist das was es erlaubt, dass Menschen wie Oury Jalloh, solche grauenhaften Tode sterben müssen. Das diese Tatsache sowohl systematisch als auch historisch begründet ist, ist einer der vielen Gründe warum wir den Tod Oury Jallohs als Mord bezeichnen.

Das bedeutet aber, dass wir viel mehr tun müssen, als einfach zu protestieren oder die offiziellen Versionen der Morde an Oury, Dominique und Laye in Frage zu stellen. Vor allem geht es uns um unsere Selbstbestimmung und um unsere Wut gegen die unaufhörliche Barbarei.

Wir können und werden nicht zulassen, dass wir im Rahmen dieser verbrecherischen Normalität einfach weiterhin funktionieren, als Komplizen für Verfolgung und unseren eigenen Tod. Wenn wir das Schweigen nicht durchbrechen, wenn wir unsere eigene Meinung unterdrücken, leisten wir einen Beitrag zum Weiterbestehen unseres gemeinsamen Leidens.

Wir verweigern uns. Wir verweigern uns zu schweigen und wir verweigern uns, weiterhin Teil unserer eigenen Unterdrückung zu bleiben. Wir werden weder schweigen, noch zulassen, dass wir zum Schweigen gebracht werden. Diese Zeit ist vorbei.

MOBILISIERT EUCH! KOMMT NACH DESSAU AM 23. JUNI!

ORGANISIERT GRUPPEN IN EUREN STÄDTEN UM EINIGE TAGE ALS BEOBACHTER BEIM PROZESS IN DESSAU DABEI ZU SEIN.

STEH AUF! BREAK THE SILENCE!

Für mehr Information bitte wenden Sie sich an: Tel.: +(49)170-8788124 oder the_voice_goettingen@gmx.de

TREFFPUNKT FÜR DIE ABFAHRT VON BERLIN, REISECENTER AM ALEX, 10:30 Uhr

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