DEMO IN GEDENKEN AN OURY JALLOH – BERICHT VON REGINA KIWANUKA

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Dessau am 23. Juni 2007

Foto und Video

Die Stadt Dessau wurde bewegt von einer Demonstration gegen das Unrecht, unter dem afrikanische Menschen seit Jahrhunderten leiden. Die Tränen von über 150 Menschen wurden am 23. Juni 2007 in Dessau über den fürchterlichen Tod von Oury Jalloh vergossen. Regen und Donner stimmten in den Kampf um Gerechtigkeit für schwarze Menschen ein.

Um 14.00 Uhr versammelten sich Menschen vieler Nationalitäten aus verschiedenen Städten Deutschlands vor dem Hauptbahnhof in Dessau, um erneut gegen die Umstände von Oury Jallohs vorzeitigem und schrecklichem Tod zu protestieren.

Oury Jalloh, ein junger Mann (23 Jahre alt) aus Sierra Leone, starb am 7. Januar 2005 in einer Polizeizelle im Keller in Dessau. Das war die Folge einer unnötig brutalen Verhaftung durch zwei Polizisten, Herrn Scheibe und Herrn März. Der Grund seiner Verhaftung? Eine Identitätsüberprüfung. Obwohl die Polizei wusste, dass Jalloh eine gültige Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland hatte, wurde er vom Polizeibeamten Scheibe ins Polizeiauto hinein gezwungen. Scheibe schilderte in der Woche vom 27. März 2007 die Ereignisse dieser schicksalhaften Verhaftung vor Gericht. Es war für Jalloh der letzte Kontakt und die letzte Interaktion mit der Außenwelt. Aller Menschenrechte und Würde beraubt, wurde Jalloh in Handschellen in die tödliche Polizeistation geführt und dem Dienstgruppenleiter Schubert übergeben.

Am Telefon mit Dr. Blodau verspottete und beanstandete Herr Schubert den Zustand von Oury Jalloh, nachdem sich Dr. Blodau beschwerte, bei schwarzer Haut sei es schwierig, die Venen zu treffen. Dr. Blodau war von der Polizei beauftragt, Jalloh medizinisch zu untersuchen. Herrn Schuberts spöttischer Ratschlag für Dr. Blodau, eine Spezialkanüle mitzubringen, wurde von höhnischem Gelächter über den so genannten „Schwarzafrikaner“ begleitet.

In der Auftaktrede, die die Demonstrant_innen sehr bewegte, ging Yufanyi Mbolo auf die Qualen ein, die Jalloh in seiner Lage erleiden musste. Er erinnerte daran, dass Oury Jalloh auf Anordnung von Dr. Blodau mit Händen und Füßen an eine feuerfeste Matratze auf dem Boden gekettet und dann von den Polizisten herzlos im Gewahrsam verbrannt wurde.

Weiter führte er aus, wie die tödliche Prozedur von den zwei Polizeibeamten März und Scheibe, die für die Verhaftung von Oury Jalloh verantwortlich waren, vor Gericht in der Woche von 27. März 2007 wiedergegeben wurde. Diese brachten ihn in eine jämmerliche Zwangslage, fügten ihm schwere Körperverletzungen zu und ließen ihn im Untergeschoss, als wäre er tot.

Herr Yufanyi betonte, wie abscheulich die Lügen der Polizei sind, die der Welt weismachen will, Oury Jalloh habe Selbstmord begangen, Oury Jalloh, der nicht mehr selbst sprechen kann. Das wird von der afrikanischen Community, von Menschenrechtsaktivist_innen und allen, denen die Menschheit am Herzen liegt, entschieden zurückgewiesen. Und es ist der einzige Grund für die heutige Demonstration.

Er sagte weiter, dass viele von uns den Oury-Jalloh-Prozess im Landgericht Dessau verfolgt haben. Hier konnten wir erleben, wie Oury Jalloh kriminalisiert wurde – er passe nicht in die Gesellschaft -, und das alles unter den Augen der Presse, der verschiedenen Organisationen, die den Prozess beobachten, seiner Freund_innen und Sympathisant_innen und besonders seiner Mutter und seines Bruders, die extra aus Guinea gekommen waren, um die schrecklichen Umstände zu erfahren, die ihnen einen geliebten Menschen und geborenen Afrikaner raubte.

Die Tatsache, dass die Polizeibeamten im Gerichtssaal die Wahrheitsfindung behindern, indem sie Umstände, Zeiten und entscheidende Details verleugnen, dass sie sich untereinander absprechen, um alles zu vertuschen, dass das Gericht den Lügen, Verdrehungen und Behinderungen der Polizisten zu folgen scheint, das alles ist ein Zeichen dafür, dass die Justiz nicht unabhängig ist. Wenn wir es nicht schaffen, gegenüber der Welt den Mord an einem von uns als solchen darzustellen, kann es passieren, dass die ganze Angelegenheit unter unseren Augen in einen Familienstreit verdreht wird. Dann wird es geschehen, dass wir als Schwarze in der Diaspora und zu Hause in Zukunft mit noch schlimmeren Dingen konfrontiert werden.

Yufanyi wiederholte, dass wir alle Oury Jalloh sind. Wir sollten nicht den Fehler begehen und glauben, wir wären in den Augen von diesen Leuten Individuen. Für sie sind wir wie Fliegen, sie machen keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Welchem Land unseres geliebten afrikanischen Kontinents wir auch angehören, hier sind wir alle dasselbe.

Oury Jalloh sind wir alle, wir alle sind Oury Jalloh.

In diesem Sinne forderte Yufanyi uns auf, dass wir es nicht nur bei einer Demonstration in Dessau belassen sollten. Überall, wo wir leben, sollten wir die schrecklichen Todesumstände von Oury Jalloh und die Richtung, die das Gericht eingeschlagen hat, öffentlich machen. Es geht darum, sich für die Freiheit unserer Leute einzusetzen, während wir immer umgebracht, kriminalisiert oder schwer bestraft werden, gleich wie geringfügig das Delikt. Dr. Blodau darf nicht davon kommen. Jemand, der jahrelang Medizin praktiziert hat und der einen Eid geleistet hat, Leben zu retten, gab in dieser Situation die Anordnung für die Fixierung und Gewahrsamsnahme von Oury Jalloh. Auch wenn es eine Verschwörung mit der Polizei war, muss Dr. Blodau vor Gericht gestellt werden. Wenn das nicht geschieht, sollten wir dafür kämpfen, dass er eine gerechte Strafe erhält.

Mit diesen Worten setzte sich die Demo durch die heute berüchtigte Stadt Dessau in Bewegung. Leute aus Bochum, Jena, Frankfurt, Göttingen, Berlin, Bielefeld, Nürnberg, Düsseldorf, Dortmund und anderen Städten kamen hinzu. Kaum begann die Demo, fing ein schwerer Regen an, fing ein heftiger Sturm an, als ob die mit Unrecht verpestete Luft in Dessau weggeblasen werden sollte.

Tränen des Leids und der Folter an Afrikaner_innen flossen, die Demonstrant_innen jedoch widerstanden dem schweren Regen und schrieen immer wieder „Oury Jalloh – das war Mord“, ohne die tiefen Pfützen zu beachten, die überall auf den Straßen waren, das Wasser in den Schuhen, ohne sich beeindrucken zu lassen von der Kälte, der Nässe und den Wassermassen, die in einem fort vom Himmel fielen. Als ob ein Wasserhahn vor Wut und Entschlossenheit voll aufgedreht worden wäre, um gegen das Unrecht zu protestieren, das seit dem Einfall in Afrika vor vielen Hundert Jahren über die Schwarzen gekommen ist.

Die Demo ging weiter zum Ort, wo Alberto Adriano getötet wurde, von rassistischen Extremisten mitten in Dessau erschlagen. Hier hielten die Demonstrant_innen eine Schweigeminute ab und sangen in Gedenken an einen weiteren unschuldigen Bruder, dessen einziges Verbrechen seine Hautfarbe war.

Trotz des Regens blieb das Mikrofon nicht still; die Behinderung der Justiz und die Verschwörung um die Todesfälle von Afrikaner_innen in Deutschland wurden immer wieder angeprangert. Wie bösartig und anhaltend der moderne Sklavenhandel und der modernisierte Kolonialismus der entschlossenen Aggressoren auch sein mögen, die afrikanische Community schwört, dass sie ebenso entschlossen ist, für ihre Existenz und für die Freiheit des Mutterkontinents Afrika zu kämpfen.

Wir lehnen es ab, unter der als Entwicklungshilfe getarnten Lüge der organisierten internationalen Gemeinschaft zu leben. Damit werden afrikanische Diktatoren finanziert, die ihre Völker überall zu Flüchtlingen machen – die dann bei lebendigem Leibe in einer Polizeizelle in Dessau verbrannt werden, die wie Dominique Kouamadio in Dortmund auf offener Straße von Polizisten erschossen werden, die diskriminiert werden, sodass sie auf unterschiedliche Weise von denen umgebracht werden, die angeblich Entwicklungshilfe leisten, was in Wahrheit ein modernisierter Kolonialismus ist.

Die Demo verlief ohne bedrohliche Zwischenfälle von Seiten der Dessauer Bevölkerung oder der Polizei. Allerdings schlossen ein paar Einwohner_innen die Fenster, andere schwenkten als Reaktion deutsche Fahnen vom Fenster und gaben so ein Beispiel an Ignoranz und Mangel an Bildung, so typisch für die Aggressoren, die in Afrika einfielen und die Vertreibung der Afrikaner_innen von ihrem friedlichen Mutterkontinent auslösten.

Die Zahl der Polizisten war auf dieser Demo größer, die Polizeiwagen nicht zu zählen, überall in der Stadt konnte man dunkelgrüne Uniformen sehen. Ein paar Polizisten auf Motorrädern waren durchnässt wie andere Menschen auch, die meisten Polizisten jedoch versteckten sich in ihren Wagen. Es war, als ob das Wasser vom Himmel dem Höllenfeuer im Keller der Polizeiwache von Dessau am 7. Januar 2005 gleich kommen wollte, oder irgendeiner anderer Grausamkeit an Afrikaner_innen auf der Erde. Schließlich kam die Sonne zurück, die die durchnässten Körper trocknete. Eine Stunde blieb man auf den schicksalhaften Stufen, auf denen Oury Jalloh zu seinem Inferno in die Polizeiwache gebracht wurde.

Hier wurden Blumen als Zeichen der Trauer, des Gedenkens und des Friedens für seine Seele niedergelegt. Eine weitere Schweigeminute wurde für Mario Bichtemann gehalten, der in derselben Zelle im November 2002 starb.

Dominique Kouamadio, 23 Jahre, aus Kongo, der am 14. April 2006 in Dortmund auf der Straße von der Polizei erschossen wurde; Layé Kondé, der in Bremen am selben Tag wie Oury Jalloh durch Polizeibrutalität umgebracht wurde; John Achidi (Nigeria/Kamerun), der in Hamburg umgebracht wurde; Osamuyi aus Nigeria, unser letzter Schock, der von der spanischen Polizei bei einem Abschiebeversuch getötet wurde, ein Beispiel für die Verschwörung der Weißen zur Vernichtung der Afrikaner_innen. Ihrer aller Seelen wurde gedacht und um sie getrauert.

Dieses Mal nahmen die Bewohner_innen Dessaus die Demo stärker wahr, viele Zuschauer_innen standen mit offenem Mund am Rande. Die Presse ließ sich von den Regenfällen nicht verschrecken, Kameras filmten während des ganzen Gusses.

Die Demo kam um genau 17 Uhr an ihrem Ausgangspunkt, dem Dessauer Hauptbahnhof, an, wo sie mit lauten Solidaritätsrufen für die Rettung des afrikanischen Kontinents vor dem Untergang ihren Abschluss fand.

SOLIDARITÄT IST UNSERE WAFFE.

von Regina Kiwanuka (Uganda), mit Stolz, Afrikanerin zu sein.

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