In Gedenken an Adama Traoré getötet von der Polizei am 19.7.2016 in Beaumont-sur-Oise / Frankreich

Staatsraison mit manipulierten Gutachten und Repression gegen die Familie

Am 19. Juli 2016 wurde Adama Traoré in Beaumont-sur-Oise, einem Vorort von Paris, von drei Polizisten verhaftet und in die Gendamerie gebracht. Kurze Zeit später war er tot. Anschliessend war es mehrere Tage lang zu heftigen Protesten gegen die Polizei in Beaumont-sur-Oise gekommen.

Die Familie von Adama Traoré kämpft seit drei Jahren für Gerechtigkeit, gegen die Lügen der Polizei, gegen falsche Gutachten und gegen den Unwillen der Justiz das Verbrechen an ihrem Sohn und Bruder aufzuklären.

Anders als in Deutschland werden die Untersuchungen nicht von der Staatsanwaltschaft, sondern von Untersuchungsrichtern geleitet. Diese hatten die Ermittlungen gegen drei Polizisten im Dezember 2018 eingestellt. Laut offizieller Darstellung soll sich Adama am 19. Juli 2016 einer Verhaftung widersetzt haben und fünfzehn Minuten lang vor der Polizei weggerannt sein, bevor sich drei Polizisten mit ihrem Körpergewicht auf den 24-jährigen Adama “gelegt” haben, um ihm Handschellen anlegen zu können .         Text als pdf > Link

Die Todesursache ist eindeutig und lautet Tod nach akutem Asphyxie-Syndrom. Die Ursache dafür wurde von der Justiz jedoch nicht geklärt .. .. Im Gegenteil:

Den Richtern war 2018 ein Gutachten vorgelegt worden, dass die Polizisten vom Vorwurf der Erstickung entlastete: Demzufolge soll Adama erstickt sein, weil bei ihm nachträglich zwei – bis dahin unentdeckte – Krankheiten festgestellt worden seien. Um den Tod von Adama zu erklären wird in diesem Gutachten behauptet, dass Adama an der “Sichelzellen-Anämie” (Erkrankung der roten Blutkörperchen), sowie an einer “Sarkoidiose im zweiten Stadium”, einer seltenen Lungenerkrankung gelitten haben soll, welche beide bei Stress und Anstrengung zu Luftnot bis hin zum Ersticken führen kann. Die Ermittlungen gegen die Polizisten beschränkten sich demzufolge lediglich auf den Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung, weil sie sich geweigert hatten, für Adama erste Hilfe zu leisten, als dieser im Sterben lag.

Im März 2019 hat die Familie von Adama Traoré den Untersuchungsrichtern ein unabhängiges Gutachten vorgelegt, das sie bei den bedeutensten Experten für die Krankheiten, die Adama Traoré zugeschrieben wurden, in Auftrag gegeben hatte. Die Ergebnisse widersprechen den bisherigen Gutachten und stehen der offiziellen Version der staatlichen Stellen grundlegend entgegen. Sie führen den Tod von Adama ebenfalls auf ein “aktues Asphyxie-Syndrom” zurück, werfen aber die Frage nach der positionellen und mechanischen Erstickung durch die Technik der Verhaftung durch die Polizisten auf. Die beauftragten Spezialisten für Sichelzellenkrankheiten und Sarkoidiose erklärten die Schlussfolgerungen der vorhergehenden Gutachter als medizinisch falsch, weil sie auf theoretischen Spekulationen und nicht auf medizinischen Grundlagen mit dem aktuellen Wissenstands beruhen.

Zudem belegen technische Untersuchungen, dass Adama bei seiner Verfolgung eine Strecke von nur 450 Metern zurückgelegt hatte und nicht, wie im gerichtlichen Gutachten behauptet worden war, “fünfzehn Minuten intensivste Anstrengungen unternommen hatte, bevor er verhaftet worden war.”

Die Richter erkannten das neue medizinische Gutachten offiziell nicht an, weil die von der Familie ausgesuchten Ärzte nicht von ihnen selbst ernannt wurden, nicht auf der offiziellen Liste der gerichtlichen Sachverständigen aufgeführt sind und dementsprechend noch keinen formalen Eid geleistet hatten. Dennoch nahmen sie die Ermittlungen bereits einen Tag nach der Einreichung des Gutachtens der Familie wieder auf. Im April 2019 kündigten die Richter dann an, ein weiteres medizinisches Gutachten in Auftrag zu geben wollen. Das ist jedoch bis jetzt nicht geschehen.

Die Familie von Adama hält ein weiteres Gutachten für überflüssig – stattdessen sollen die Polizisten endlich angeklagt und vor Gericht gestellt werden.

Der Fall von Adama Traoré und der Kampf der Familie um Aufklärung ist zum einem Symbol für den Kampf gegen Polizeigewalt in ganz Frankreich geworden, die ebenso wie in Deutschland systematisch straflos bleibt.

Bei genauer Betrachtung gibt es viele deutliche Parallelen zum Fall von Oury Jalloh: Das Opfer wird kriminalisiert und selbst für seinen Tod verantwortlich gemacht. Es folgt eine systematische Vertuschung der Wahrheit durch Polizei und Justiz auf der Basis von Lügen und manipulierter Gutachten, die wissenschaftliche Standards vermissen lassen. Während die Behörden die Aufklärung der Morde verweigern, werden Anghörige und Aktivist*innen, die für die Gerechtigkeit kämpfen kriminalisiert und mit strafrechtlichen Repressionen überzogen.

So wurde der ältere Bruder von Adama, Bakui Traoré kürzlich vor Gericht gestellt, weil er ihm versuchter Mord vorgeworfen wird. Laut Anklage soll er bei einem Protest gegen Polizeigewalt auf Polizisten geschossen haben.

Wie im Fall von Oury Jalloh sind Angehörige und Unterstützer*innen gezwungen, unabahängige Untersuchungen durch Sachverständige zu beauftragen, um die Wahrheit an die Öffentlichkeit zu bringen. Der so erzeugte Druck auf die Ermittlungsbehörden, bewirkt, dass diese den Fall nicht – wie vorgesehen – einfach zu den Akten legen können. Gleichzeitig findet so eine notwendige gesellschaftliche Sensibilisierung für systematische Manipulationen und Staatsraison statt.

Mehr Informationen:

https://www.revolutionpermanente.fr/Comite-Verite-pour-Adama

FB: https://www.facebook.com/La-v%C3%A9rit%C3%A9-pour-Adama-160752057668634/

Video-Credit: https://www.cross-point.tv/

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