Ausstellung thematisiert rassistische Gewalt

Mario Pfeifer mit „Negotiating the Law – Das Recht verhandeln“                             vom  29. Oktober 20 bis 10. Januar 21                                                                                    im Edith-Russ-Haus > Katharinenstr. 23 / 26121 Oldenburg

Oldenburg. Mit „Negotiating the Law – Das Recht verhandeln“ greift
der Videokünstler und Filmemacher Mario Pfeifer das aktuell viel
diskutierte Thema rassistischer Gewalt auf. Das Edith-Russ-Haus für
Medienkunst zeigt die Ausstellung vom 29. Oktober 2020 bis zum 10.
Januar 2021.(..)*

Der konzeptionelle Ausgangspunkt der Ausstellung „Das Recht
verhandeln“ ist die neue Arbeit Pfeifers „Zelle 5 – 800°
Celsius“. Sie beruht auf der künstlerischen Aufarbeitung von
forensischen Materialien im zutiefst verstörenden Fall von Oury Jalloh,
eines Sierra-Leoners, der in Deutschland Asyl gesucht hatte und 2005 in
der Gewahrsamszelle 5 des Polizeireviers Dessau-Roßlau verbrannte ..

Presseinformation – Edith Russ Haus: 27.10.20      > Link / pdf

Nord-West-Zeitung, vom 30.10.20: “Mit rassistischer Gewalt im Alltag konfrontiert” (Video-Kunst) > Link zum Artikel Aktivist*innen in die Kunsthallen – Mario Pfeifer zum Fall Oury Jalloh Deutschlandfunk Kultur mp3 vom 03.11.20 > Link Audio  .. 

Der Oury Jalloh-Komplex ist eine der umfassendsten und bis heute
kontroversesten Fälle, der die Frage nach institutionellem Rassismus
bei der Polizei in Deutschland aufwirft und darüber hinaus den
Aufklärungswillen der Justiz grundlegend in Frage stellt. Der Künstler
folgt diesem Fall in enger Zusammenarbeit mit der aktivistischen
Bewegung ‚Break the Silence – Initiative in Gedenken an Oury
Jalloh‘. „Mittels forensischer Untersuchungen wurde im Herbst 2019
festgestellt, dass Oury Jalloh physische Verletzungen vor dem
Brandausbruch hatte, die in Frage stellen, ob er überhaupt noch bei
Bewusstsein war. Ebenso war der Kohlenmonoxidgehalt in seinem Herzblut
0,0 Prozent. Diese rechtsmedizinischen Erkenntnisse offenbaren aus
meiner Sicht vielerlei Fragen“, erläutert der Künstler Mario Pfeifer
und fährt fort: „Meine Installation ‚Zelle 5‘ zitiert aus
Dokumenten der Politik, Justiz und der aktivistischen Bewegung ‚Break
the Silence – Initiative in Gedenken an Oury Jalloh‘. Mit der
Bereitstellung dieser Materialien, die sowohl in den Gerichtssälen,
Untersuchungslaboren und den Medien ausgewertet wurden, möchte ich dem
Publikum einen Einblick in die Erkenntnisse sowie in die
Aufklärungsarbeit der Aktivisten, die für Gerechtigkeit und
Verantwortung im Fall Jalloh kämpfen, ermöglichen. Es geht darum,
Stellung zu beziehen und ihre Indizien in einem Raum vorzulegen, der
ausschließlich der Repräsentation ihrer Erkenntnisse vorbehalten
ist.“

Da er die Dreharbeiten zu dieser Arbeit auf Grund der Corona-Pandemie
nicht wie geplant durchführen konnte, hat Pfeifer das Werk in drei Akte
aufgeteilt, von denen die ersten beiden in dieser Ausstellung als
multimediale Installation und Performance zu sehen sein werden.

Die Installation „Akt 1“ erstreckt sich über drei Räume. Im
Zentrum der beiden ersten Räume steht das vielleicht wichtigste
Beweisstück im Fall Jallohs, ein gewöhnliches Einwegfeuerzeug. Dieses
Feuerzeug tauchte erst drei Tage nach der Sicherung des Tatorts auf,
wobei die Ermittler angaben, dass es vorher übersehen worden sei. An
diesem Beweisstück konnten weder DNA-Spuren von Jalloh noch Überreste
von Materialien aus der Zelle gefunden werden. Stattdessen wurden
Fremdfasern, fremde unbestimmte DNA und Tierhaare nachgewiesen. Der
Künstler hat mit einem Brandexperten die Verbrennung eines solchen
Einwegfeuerzeug rekonstruiert und zeigt damit auf, wie Beweisstücke
nachträglich produziert werden können. Die Stimme der Oldenburger
Schauspielerin Helen Wendt kontrastiert die hochauflösenden Aufnahmen
des Experiments mit der juristischen Sprache der originalen Gutachten.
Der dritte Raum ist der aktivistischen Arbeit der Initiative gewidmet.

„Akt 2“ wird eine Live-Performance sein, bei der Schauspielende
Gerichtsprotokolle und Zeugenaussagen verlesen und dadurch die Abläufe
im Gerichtssaal reinszenieren. Durch das theatrale Reenactment sollen
sich die Suche nach der Wahrheit im Fall von Oury Jalloh und ihre
erneute Überprüfung allmählich entfalten. Es vermittelt dem Publikum
die unterschiedlichen Vorstellungen von „Wahrheit“, die vor Gericht,
im Leben und im Raum der Kunst zum Tragen kommen. „Was hier zum
Vorschein kommt ist, denke ich, eine erschütternde Dokumentation von
Unwahrheiten, die den Fall Oury Jalloh bis heute begleiten und eine
Aufarbeitung nach wie vor für die Zivilgesellschaft unabdinglich
machen“, bekräftigt Pfeifer.

„Akt 3“ des Projekts „Zelle 5“ wird aufgrund der Corona-Krise
später umgesetzt werden. Geplant sind eine Videoinstallation und ein
Film, den Pfeifer erstmals 2021 im Edith-Russ-Haus zeigen will. Die
Arbeit beschäftigt sich mit fünf verschiedenen Szenarien des Brandes.

*(..) „Pfeifers Werk will zu einer Diskussion über rassistische Gewalt
sowie die Bedeutung des zivilen Aktivismus in unserer Gesellschaft
anregen“, sagt das Leitungsteam des Edith-Russ-Hauses Edit Molnár und
Marcel Schwierin.

In der großen Halle des Edith-Russ-Hauses eröffnet die Ausstellung mit
der großformatigen Installation „Again/Noch Einmal“ von 2018, die
sich mit einem Vorfall in der Nähe von Dresden 2016 auseinandersetzt,
bei dem Shabaz al-Aziz, ein kurdisch-irakischer Geflüchteter, nach
einem Streit mit einer Supermarktkassiererin attackiert und von vier
ortsansässigen Männern an einen Baum gefesselt wurde. Bevor der
Prozess gegen die vier Männer begann, wurde al-Aziz in einem Wald tot
aufgefunden. Pfeifer rekonstruierte das virale YouTube-Filmmaterial des
Angriffs auf Shabaz al-Aziz mit der Schauspielerin Dennenesch Zoudé
und dem Schauspieler Mark Waschke und lud Menschen verschiedener
Nationalitäten – die überwiegend als Gastarneiter in Deutschland
leben – dazu ein, als Geschworene aufzutreten und Fragen zu unserer
Realitätswahrnehmung, zu Medienmanipulationen, zur Justiz sowie zu
Gerechtigkeit und Demokratie zu stellen. Das Ausstellungspublikum wird
virtuell Bestandteil dieser Jury und ist so aufgefordert, sich selbst
ein Bild von den Ereignissen zu machen.

Das Werk „#blacktivist“ aus dem Jahre 2015 ist ein Manifest gegen
brutale Polizeigewalt, die selektive Anwendung von Gesetzen und den
hohen Stellenwert von Selbstverteidigung mit Waffen. Die Arbeit, die
Pfeifer zusammen mit der Rap-Gruppe „Flatbush ZOMBiES“ aus Brooklyn
konzipierte, integriert filmische Darstellungen von Polizeigewalt –
festgehalten von Überwachungskameras und Body-Cams – in die Ästhetik
eines konventionellen Musikvideos. Dies wird kombiniert mit Filmmaterial
aus dem Internet, das Waffen verherrlicht und Angriffe wie Gegenangriffe
zeigt, sowie mit der Dokumentation eines Waffenherstellers in Austin,
Texas, der gewöhnliche 3D-Drucker nutzt und dadurch die Gesetze zum
Waffenhandel und -besitz in den USA vor Herausforderungen stellt.

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